1. Definition
Strassenkinder - Kinderarbeit
Strassenkinder leben von der Hand in den Mund, Sie »organisieren« Geld durch kleinere Arbeiten, Diebstahl, Prostitution und Drogenhandel. Strassenkinder sind dadurch extremen Risiken ausgesetzt, viele von ihnen sind selbst Drogen abhängig. Die Problemlage von Strassenkindern ist damit anders gelagert als von Kindern, die in Absprache mit ihren Familien auf der Strasse arbeiten.
Die wenigsten Strassenkinder sind verlassene Kinder ohne Familie. Häufig sind es die Kinder selbst, die den Kontakt zu den Familien abgebrochen haben, meist in Reaktion auf Gewalt und Missbrauch. Der Weg auf die Strasse hat also nichts mit jugendlicher Unternehmungslust zu tun, sondern ist die Entscheidung eines Kindes, das keine Alternativen hat.
Strassenkinder sind Stadtkinder
Strassenkinder sind in der Regel Stadtkinder. Sie sind in den sich industrialisierenden Schwellenländern und in den Ballungsräumen weitaus häufiger anzutreffen, als in ländlichen Regionen. in Das eher ländlich geprägte Bolivien (7 Mio EinwohnerInnen) hat zum Beispielnach offiziellen Angaben weniger als 1.000 Strassenkinder, im stärker industrialisierten Brasilien (180 Mio EinwohnerInnen) leben sieben Millionen Kinder auf der Strasse. Auch auf dem afrikanischen Kontinent wächst die Zahl der Strassenkinder. Die traditionellen dörflichen Gemeinschaftsstrukturen, in denen die Menschen aufgefangen wurden, zerfallen, Familien und Kinder ziehen in die Slums der Stadt in der falschen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Dieser Trend verstärkt sich durch gewaltsame Auseinandersetzungen und Bürgerkriege.
Strassenkinder sind eigentlich Überlebende eines Krieges, der mit Kugeln, vor allem aber mit Hunger, Vertreibung und Perspektivlosigkeit tötet. Ihr Zuhause bewegt sich zwischen Müll und Absteige und ist geprägt von Armut und Gewalt, Drogen und Kriminalität.
Die Strasse als Ort der Sozialisation
Normalerweise durchläuft ein Kind unterschiedliche Stationen der Sozialisation: Familie, Kindergarten/Schule, Freundeskreis, Berufsausbildung, Berufsleben. Bei Strassenkindern reduzieren sich diese Stationen auf gescheiterte Erfahrungen in der Familie. Die Strasse wird zum alleinigen Ort für Sozialisation. Ihnen bleibe nur die Solidarität mit anderen Strassenkindern. Die Gruppe dient als Familienersatz und hat zudem die Funktion einer Schutz- und Sicherheitsinstanz, zum Beispiel vor Jugendbanden, Polizeikontrollen und Todesschwadronen.
2. Zahlen
Verlässliche Angaben über die Anzahl der Strassenkinder weltweit gibt es nicht. Eine Grössenordnung des Phänomens gibt jedoch die Schätzung von UNICEF, die von über 33 Millionen Strassenkinder weltweit ausgeht. Die schwierige Datenlage erklärt sich unter anderem dadurch, dass nur wenige Strassenkinder eine Geburtsurkunde haben. Die Daten variieren auch je nach dem, wie der Begriff »Strassenkind« definiert wird: Viele Schätzungen fassen die Gruppen der auf der Strasse arbeitenden Kinder und Strassenkinder zusammen, da der Übergang zwischen dem Arbeitsplatz Strasse und dem Lebensmittelpunkt Strasse oft fliessend ist. Bei dieser Betrachtungsweise kommen entsprechende Untersuchungen schnell auf die Zahl von 100 Millionen Strassenkindern weltweit.
Jungen und Mädchen
Während die Zahlen absolut steigen, bleibt das Verhältnis von Strassenmädchen zu Strassenjungen weitgehend gleich: Nahezu alle Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel der Strassenkinder Mädchen, zwei Drittel Jungen sind. Mädchen finden schneller eine Unterkunft, in dem sie z.B. als Hausmädchen arbeiten. Sie sind zwar fern der Strasse, oft aber ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und sexuellen Übergriffen ausgeliefert.
3. Ursachen und Hintergründe
Verstädterung
Ob in Asien, Afrika, Zentral- oder Lateinamerika, überall dort, wo Menschen aus wirtschaftlicher Not vom Land in die Stadt flüchten, zerbrechen Familien, die Kinder und Jugendlichen fallen durch alle sozialen Netze, das Auseinanderbrechen der Familien führt in eine Spirale von Gewalt und Missbrauch und treibt letztlich die Kinder und Jugendlichen auf die Strasse. In einer Studie über Strassenkinder in den vier grössten Städten Bolviens geben zwei Drittel der befragten Kinder an, ihre Familie verlassen zu haben, weil sie misshandelt wurden.
Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich
Laut World Development Report 2002 lagen Arm und Reich noch nie so weit auseinander wie heute. Dies gilt sowohl weltweit als auch innerhalb der einzelnen Länder. Arm sein heisst, ausgeschlossen sein von den Ressourcen, die anderen verfügbar sind. Das verursacht Frustration und Hoffnungslosigkeit. Es kommt zu Alkoholmissbrauch und innerfamiliärer Gewalt.
HIV / Aids
In Afrika waren Strassenkinder lange Zeit ein praktisch unbekanntes Phänomen. Extreme Armut sowie die rasante Ausbreitung von HIV/Aids haben jedoch dazu geführt, dass auch hier immer mehr Kinder auf der Strasse leben. Laut einer Prognose von UNAIDS werden im Jahr 2010 weltweit über 25 Millionen Kinder ein oder beide Elternteile durch AIDS verloren haben.
Krieg und Gewalt
Weltweit sind mehr als 20 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht (UNHCR 2003). Oft geraten Kinder und Jugendliche zwischen die Fronten, werden sie Opfer von bewaffneten innerstaatlichen Auseinandersetzungen. Selbst viele Jahre, nachdem offiziell Frieden geschlossen wurde, leiden Kinder und Jugendliche unter den Folgen von Krieg und Gewalt: Auseinandergerissene und traumatisierte Familien, Armut, verminte Felder, zerstörte Dörfer, zu wenig Schulen und mangelhafte Infrastruktur. Kriegerische Auseinandersetzungen haben aber auch zur Folge, dass Kinder in Gefahr sind, von Militärs oder Rebellen zwangsrekrutiert zu werden wie zum Beispiel in Kolumbien.
Quellen:
terre des hommes schweiz
terre des hommes Deutschland e.V. (Webseite)